|
Slowenien
in der EU? Wozu? Nach 13 Jahren Unabhängigkeit gleich wieder
hinein in die nächste Fremdverwaltung? Slowenischer Nationalismus
war immer schon etwas besonderes, vor allem dann, wenn er
mit einer derart regen Kunst- und Kulturproduktion ins Gehege
kommt. Kurz nach dem 1. Mai war vor Ort von Euphorie jedenfalls
nicht viel zu spüren. Die Leute in Ljubljana lassen sich
nichts vormachen: Mal abwarten, was die EU für uns tun kann...
Im
März 2004 trat Slowenien der Nato bei und im Mai auch gleich
der EU. Es drängt sich der Verdacht auf, die Repräsentanten
des Landes gebärden sich wie Klassenstreber, die der Lehrerin
EU ordentlich imponieren wollten. Slowenien sei "EU-fit",
stand gar zu lesen. Welch Hohn für diese Nation, die sich,
um Vorzeige-Philosoph Slavoj Žižek zu vereinnahmen, aufgerieben
sieht zwischen der Perspektive einer kulturellen Supermacht
und einem bleiernen Nationalismus. Dieser hat nicht zuletzt
dadurch wieder an Boden gewonnen, dass die Slowenen kurze
Unabhängigkeit nun den Verwaltungsstrukturen in Brüssel
überlassen haben.
Wenige Tage nach jenem berühmt-berüchtigten 1. Mai auf dem
Weg dorthin: Der Zug schlängelt sich durch die engen Talrinnen,
bis eine Stunde vor der Hauptstadt die monströs anmutenden
Industrieanlagen von Trbovlje auftauchen. Einem durch die
Band Laibach mythisierten Nimbus aus verklärt-glücklichen
Zeiten des realen Sozialismus gleich, stehen heruntergekommene
Gebäudekomplexe trutzig an der geografischen und auch ideologischen
Schwelle vom alten zum neuen Slowenien.
Metelkova,
die Stadt in der Stadt
Gleich
hinter dem Bahnhof befindet sich der Bezirk Metelkova. Strategisch
gut gelegen, war in dem 5000m2 großen Kasernenkomplex die
jugoslawische Volksarmee stationiert. Nach den bürgerkriegsähnlichen
Aufständen von 1991 und dem Abzug der Armee, wurde das Areal
1993 zu einer Art Freizone, einem von Künstlern, Musikern,
Galeristen, Veranstaltern und Sozialarbeitern besetztes
Gebiet. 2001 schrieb die kroatische Theoretikerin Marina
Gržinić: "Mit Metelkova wurde die Entwicklung von einem
passiven Arrangement von Gebäuden in ein öffentliches Environment
mittels einer sozialen Topografie realisiert. Metelkova
repräsentiert nicht den urbanen Ethos: er wird ersetzt.
Das ganze Community von Metelkova ist zur selben Zeit Produzent
und Konsument, es baut eine Stadt in de Stadt."
Viele der NGOs und Künstler erzählen, dass praktisch alle
Förderungen durch das slowenische Kulturministerium abgewickelt
werden und private Investoren noch keine Notwendigkeit sehen,
einzugreifen. Dadurch ist Ljubljana aber auch noch nicht
so "kapital-europäisiert" wie etwa Budapest, Budapest
oder Prag.
Für das Interview mit der aus Ljubljana stammenden Videokunst-Kritikerin
und Vize-Direktorin der SCCA - Galerie für Zeitgenössische
Kunst - Saša Nabergoj treffen wir uns im zu einem Jugendhotel
umgebauten Armeegefängnisgebäude "Celica" (Zelle).
Nabergoj, die sich in ihrer Diplomarbeit mit Metelkova beschäftigte,
erzählt: "Das Ende der 80er gegründete Projekt Metelkova
war die erste organisierte alternative Initiative Sloweniens.
Da kamen sozial-engagierte, politische und künstlerische
Vereine hinein. Man kann Metelkova durchaus mit dem Wiener
WUK vergleichen. Das Projekt hatte seit Anfang an einen
sehr starken Rückhalt in der Bevölkerung. Nach dem Rechtsruck
'91 sollte das Gelände in eine Autoparkzone umgewidmet werden.
Als Konsequenz darauf wurden im Herbst '93 die schon recht
devastierten Gebäude besetzt. Man war in der paradoxen Situation,
dass das Kulturministerium zwar für den Strom aufkam, dieser
aber von der Stadt Ljubljana abgedreht wurde. Die fix integrierten
Institutionen wie das Theater Gromka, die Galerie Alkatraz,
die Clubs Gala hala, Tiffany und Channel Zero machen ganzjährig
Programm. Die politische Situation und damit die von Metelkova
ist auch mit der ex-kommunistischen Bürgermeisterin Danica
Šimčić unklar. Langfristige Projekte sind nicht planbar,
wenn man bedenken muss, dass jederzeit Abrissbagger auftauchen
können."
Für die nächste Saison ist eine Dependance der Moderna Galerija
in Metelkova anvisiert. "Die slowenische Identität
war immer flüssig und austauschbar. Speziell Ljubljana,
das gerade mal 300.000 Einwohner groß ist, ist seit jeher
angewiesen gewesen auf kulturellen Austausch. Es ist eine
Stadt, die auf Leuten aufgebaut ist, die kommen. Zwar haben
in den letzten Jahren die konservativen und sogar xenophoben
Positionen stark an Boden gewonnen. Aber die wie ich hoffe
synergetischen Zusammenschlüsse in Metelkova lassen uns
trotz allem in eine fruchtbare Zukunft blicken", ist
Igor Zabel, der Direktor der größten Sammelstelle slowenischer
Kunst, der Moderna Galerija, optimistisch.
Nostalgie
- Technologie
Wie
der Sozialwissenschafter Peter Stanković in seiner Studie
"Rock and Nationalism in Slovenia" ausführt, wurden
nationalistische Ressentiments im sozialistischen Regime
unterdrückt und brachen Anfang der 1990er Jahre verstärkt
durch. Dazu brauchte es nicht erst brutal populistische
Strömungen wie "Turbo Folk". Gerade die neue Freiheiten
förderten einen anti-westlichen Konsens zutage, der vor
allem bei so massenwirksamen Bands wie Zaklonišče prepeva
und Siddharta als in die kommunistische Vergangenheit gewandte
Interpretation des Gedanken des "Nationalen" daherkam
- ähnlich dem "Nationalbolschewismus" in den "neuen
Bundesländern". Stanković nennt diese verklärende Rückschau
eine an sich ideologisch wertfreie Nostalgie, die sich aber
unter den besonderen Voraussetzungen Sloweniens mit nationalen
Ressentiments wunderbar ergänzen ließ.
"In kommunistischer Zeit haben wir uns mehr Richtung
Graz oder Klagenfurt orientiert als gegen Maribor. Diese
Städte waren für kulturelle Angelegenheiten wie Konzerte,
Ausstellungen, aber auch Filme stärkere Bezugspunkte als
slowenische. Daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert",
meint der Medienkünstler Igor Štromajer.
Zusammen mit seinem von Triest eingewanderten Kollegen Janez
Janša werkt er an den Non-Profit-Netzplattformen
www.intima.org
und www.aksioma.org,
die Koordinatennetze aus Video, Musik und Netzkunst immer
wieder neu ausloten und sabotieren. Die beiden Mittdreißiger
verkörpern jene Generation Kreativer, die ihr Potential
in der Zeit der Unabhängigkeit entwickelten und somit noch
über realsozialistischen Background verfügen. Gleichzeitig
wird der Umgang mit digitalen Kommunikationsmitteln seit
gut zehn Jahren kulturviert. Intima und Aksioma haben in
den letzten Jahren viel zu Themen wie Information Warfare,
Copyright und Fundamentalismus gearbeitet. So u.a. bei "Ballettikka
Internettikka", einer Aufarbeitung von Theater
und Terrorismus und bei "The
Problem Stock Exchange". Dafür mutierten Štromajer
und Janša zu Spekulanten und gründeten eine Börse mit
eigenem Geld. Aksioma hat sich mit "Demokino"
als eine der aktuellsten Projekte dem Cyberspace zugewandt
und für das Kollektiv
BAST die grafische, Video- und VJ-Inszenierung übernommen.
Die bis zu zwölfköpfige Free-Jazz-Soundforschungseinheit
unter der Leitung von Matjaz Mancek (Labelchef
von -rx:tx; siehe Review im letzten skug) knüpft, ähnlich
wie The Stroj mit ihren martialischen Stahlpercussions,
an eine "paganistische" Zeit plus modernste Technologie
an. In beiden Fällen ist der seit Anfang der 80er bei Bands
wie Borghesia aktive Aldo Ivančić
als Produzent zuständig. Eine weitere Verbindungslinie zwischen
gegenwärtigen Anforderungen und Stancovićs "Nostalgie"
stellt das 2001 aus dem NSK-Umfeld entstandene Label Tehnika
dar. Mit vornehmlich slowenischen Bands (Random Logic, Amderma,
Octex) ist zwar die Fährte Richtung Minimaltechno a la Geometrik,
Kompakt und +8 gelegt, allerdings immer gegengefedert von
einer dunkel eingefärbten und ziemlich steril daherkommenden
Aneignung der Vergangenheit zum Zwecke einer nationalen
Verortung der Mensch-Maschine-Diskussion für die internationale
Community. In Plattenläden wie dem "Vinylmania"
und besonders dem "Dallas" erntet man zwar überraschte
Blicke, wenn man nach Musik aus Slowenien fragt. Nichtsdestotrotz
finden sich so unterschiedliche Bands wie Chartsreiter Klemenklemen
(HipHop), Bulldožer (HC), Rotor (Techno), die Electronica-Kollektive
Miladojka Youneed und Radyoyo oder Lokalheros wie DJ Umek,
Videosex (Electro) und Code EP (D'n'B). Sogar die "Kammermusiker"
Rožmarinke werden als "independent" geführt, während
etwa Pankrti, 2227 und 300.000 Verschiedene Krawalle in
der CD-Abteilung der örtlichen Shopping Mall Nama zu finden
sind.
Geschichtsmächtige
Kreativzelle: Škuc
Alenka
Gregorić ist seit letztem Jahr künstlerische Leiterin der
Galerija Škuc und ist mit ihren 27 Jahren eine der jüngsten
Direktorinnen Sloweniens. In Ljubljana geboren und noch
immer hier. Nur so war die 1972 gegründete Škuc in der Lage,
das schwere historische Erbe in die Gegenwart zu transportieren.
"Die Punkbewegung in Ljubljana fand immer schon im
Galerienkontext statt, war also sehr stark visuell geprägt.
Natürlich gibt es wieder verstärkt den Ruf, sich dezidiert
um slowenische Kunst zu kümmern. Das wäre allerdings doppelt
durch den Rückspiegel geblickt." Indes eignen sich
die Räume durch ihr "Markenzeichen" - schwarz
lackierte Holzböden und Wandverkleidungen, integriert in
eine kapellenähnliche Anlage - auch gut für Soundinstallationen,
geschehen unlängst etwa bei einem Projekt von KREV (Elggren/
von Hauswolff). Für größere Konzerte arbeitet man mit der
Musikakademie und dem In-Platz Orto-Bar zusammen. Diese
Veranstaltungen werden unter anderem von Marko Peljhan betreut,
seines Zeichens langjähriger Mediensaboteur in Gruppen wie
Atol und Ropot. Peljhan ist auch Mitbegründer des alternativen
Netzverbundsystems Ljudmila LJ Digital Media Lab, an das
neben Škuc auch das SCCA und die NSK-Botschaft angeschlossen
ist. Beispiel einer gelungenen Vermischung diverser Ansprüche
war eine Graffiti-Ausstellung letztes Jahr, zu der neben
Arbeiten aus den amerikanischen Ghettos auch IRWIN Exponate
beigesteuert hatte. Gregorić: "Da kam viel junges Publikum,
während die alten Kunst-"ApparatschicksŤ mit diesem
Pop-Ansatz überhaupt nicht konnten. Wir arbeiten hart daran,
dass es wieder heißt: "this crazy Škuc..."."
Links:
Artservis:
www.artservis.org
Moderna Galerija: www.mg-lj.si
Metelkova: www.metelkova.org
Aksioma: www.aksioma.org
Intima: www.intima.org
BAST: www.aksioma.org/bast
Škuc: www.skuc.org
The Stroj: www.thestroj.com
|